Besuch einer palästinensischen Lehrerin in Wiesentheid

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„Nur die Bereitschaft zum Dialog hilft Mauern zu überwinden und Brücken zu bauen“

Unterricht für unsere ägyptischen Schüler in ihrer arabischen Muttersprache? Kochen nach arabischen Rezepten in unserer Schulküche? Eine temperamentvolle und sympathische Kollegin aus Palästina machte all dies und noch viel mehr in den zurückliegenden Wochen möglich.

Und passend zur Adventszeit kam unser Gast auch noch aus Bethlehem: Die mitgebrachten Weihnachtskrippen und der Christbaumschmuck, aus Olivenholz von palästinensischen Handwerkern gefertigt, lagen im Lehrerzimmer für kaufwillige Interessenten aus, sind diese Erzeugnisse doch neben dem Tourismus eine der wenigen Einnahmequellen für die notleidende Bevölkerung in der Geburtsstadt Christi.

Unsere Besucherin Frau Hiam Abu-Dayyeh, eigentlich ausgebildete Sozialpädagogin, unterrichtet Deutsch an einer palästinensischen Schule in Bethlehem. Sie gehört zur Minderheit der protestantischen Christen in Palästina und war dort zunächst zwölf Jahre lang Leiterin einer Diakonie-Station. Ihr dreiwöchiger Besuch am Gymnasium Wiesentheid stand im Zusammenhang mit einem von der Deutschen Kultusministerkonferenz organisierten Austauschprogramm für Lehrkräfte und sah neben Hospitationen im Unterricht auch intensive Gespräche mit Kollegen und Schülern vor.

In mehreren Vorträgen vor Jugendlichen und Erwachsenen informierte unser Gast über die bedrückenden Lebensbedingungen in ihrer Heimat, dem Palästinensischen Autonomiegebiet in der Nähe von Jerusalem. Gerade vor dem Hintergrund der aktuellen Ereignisse im Nahen Osten stießen diese Informationen aus der Perspektive einer unmittelbar Betroffenen auf großes Interesse bei vielen Zuhörern, lieferten sie doch einen weiteren authentischen Beitrag zum besseren Verständnis der Probleme im Nahen Osten.

Schon seit zwei Jahren pflegt unser Gymnasium deshalb auch eine Schulpartnerschaft mit der israelischen Mae Boyar High School in Jerusalem: „Unsere Schüler erhalten so einen Einblick in beide Welten“, wird unser Schulleiter Hilmar Kirch in dem ausführlichen Bericht der „Kitzinger Zeitung“ vom 28.11.2014 über den Besuch der palästinensischen Lehrerin in Wiesentheid zitiert. Nur so könnten sich die Schüler ein einigermaßen objektives Bild über den Nahostkonflikt machen.

Zweifellos einer der Höhepunkte ihres Aufenthaltes war deshalb der Vortrag von Frau Hiam Abu-Dayyeh vor denjenigen Schülern der Q12, die als Teilnehmer des Austauschprogramms mit der Jerusalemer Partnerschule im vergangenen Februar zu Gast in Israel gewesen waren und die somit bereits über eigene Eindrücke über die Situation vor Ort verfügten.

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Im Beisein des Reporters des Bayerischen Rundfunks, Herrn Achim Winkelmann, entwickelte sich in dieser Veranstaltung zwischen den Jugendlichen und unserem palästinensischen Gast eine lebendige Diskussion, von der ein wirklich hörenswerter dreiminütiger Mitschnitt am 28.11.2014 auf BAYERN 1 gesendet wurde.

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Am Ende waren sich alle Teilnehmer darin einig: Einen echten Dialog zwischen den beiden Konfliktparteien, der helfen wird, Mauern zu überwinden und Brücken zu bauen, wird es nur geben, wenn sich in Zukunft insbesondere junge Israelis und Palästinenser besser gegenseitig kennen-lernen werden. Die Kommunikation unter der Jugend sei aber bislang noch eher die Ausnahme.

Für rund drei Wochen bot sich uns also in Person einer außergewöhnlichen Frau die Möglichkeit einer Begegnung mit Palästina. Hiam Abu-Dayyeh entsprach dabei so ganz und gar nicht den gängigen Klischees: Obwohl aus einer immer noch vorwiegend patriarchalisch geprägten Gesellschaft stammend, begegnete sie uns doch als selbstbewusste und gebildete Frau; inmitten einer weitgehend von den drei Weltreligionen geprägten Umgebung zuhause, machte die evangelische Christin eben gerade nicht die Religionen, sondern ausschließlich die Politik für den Nahostkonflikt verantwortlich. Und trotz des täglich erlebten Unrechts bleibt ihre Hand weiterhin ausgestreckt, um gemeinsam mit gleichgesinnten Israelis für einen gerechten Frieden in der Region einzutreten.

Verfasser: R. Baumgarten