Besuch im Land, in dem „Milch und Honig fließt“

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Gymnasiasten des Steigerwald Landschulheim Wiesentheid in Israel

Am Gymnasium Wiesentheid sind Austauschprogramme mit ausländischen Schulen seit Jahren ein fester Bestandteil im Schulalltag. Neben Partnerschaften mit Bildungseinrichtungen in der Tschechei, der Ukraine und Frankreich wurde im Juli 2013 auch eine Schulpartnerschaft in Israel ins Leben gerufen. Vergangenen Sommer waren Schülerinnen und Schüler der Mae Boyer High School aus Jerusalem am Steigerwald Landschulheim zu Besuch. Nun fand vom 27. Februar bis zum11. März der Gegenbesuch der Wiesentheider Gymnasiasten mit ihren Begleitlehrern Elke Wagner und Ansgar Freking in Jerusalem statt. Darüber haben drei Teilnehmer den folgenden Reisebericht verfasst:

„Das wird bestimmt `ne Bombenstimmung bei euch“, „Wie viel Lösegeld bekommt man für 19 weiße Geiseln?“, „Ich verspreche dir, dich freizukaufen, um jeden Preis“, waren einige der Sprüche, mit denen wir in ein Land verabschiedet wurden, von dem man bei uns in Deutschland sehr viele negative Nachrichten hört. Jedoch konnte uns, 19 Schülern der 11. und 12. Jahrgangsstufe des Gymnasiums Wiesentheid, nichts davon abhalten, zu unseren Austauschschülern der Mae Boyer High School in Jerusalem, zu fahren. Und dort erkannten wir, dass Israel viel mehr ist, als ein Ort voller bewaffneter Soldaten, Stacheldraht und Hochsicherheitsmauern, sondern vorrangig ein Land, in dem die verschiedensten Kulturen zusammengekommen sind, um in dem gelobten Land zu leben. Uns wurde schnell klar, dass Israel nicht nur eines von vielen Ländern in der Welt ist, sondern sich in Israel die ganze Welt trifft.
Die großen Gegensätze und Unterschiede, die daraus entstehen, lassen Israel als Land schwer beschreiben. Und doch sind fast alle Israelis in einer Sache relativ ähnlich und unterscheiden sich darin gleichzeitig außerordentlich von uns Deutschen: in ihrer Mentalität.
Ihre Offenheit zeigte sich schon bei der Anreise. Wir Deutschen, recht erschöpft vom vierstündigen Flug, wurden von den Israelis stürmisch und voller Begeisterung in Empfang genommen. An Schlaf war jetzt nicht mehr zu denken, denn auf der Busfahrt wurden laut und freudig Lieder geträllert, geklatscht, gestampft und mit jedem noch möglichen Hilfsmittel Lärm verursacht, oder wie die Israelis sagen würden: „Stimmung gemacht“. Unsere Auffassung von Lärm hat sich in den Tagen auch etwas gewandelt, als wir mit dem öffentlichen Bus den Verkehr von Jerusalem kennenlernten. Deutschland ist im Vergleich dazu regelrecht still!
Die Gastfamilien haben uns mit offenen Armen empfangen. Das erste Wochenende ist von den Familien selbst gestaltet worden. Wir wurden mit ausgedehnten Mahlzeiten verwöhnt und rund um die Uhr unterhalten, damit wir uns auch wirklich wohl fühlten. Israelis stellen auch das komplette Gegenteil zur guten, altbekannten deutschen Pünktlichkeit dar. So wie in allen mediterranen Kulturen ist die Aussage, sich zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem Ort zu treffen, für uns Deutsche etwas missverständlich, denn wir nehmen die Aussage wortwörtlich, die Israelis schlagen auf die ausgemachten Zeit noch eine gute halbe Stunde. Eine eher entspannte Art, die zwar die deutschen Lehrer in Schweißausbrüche trieb, von uns Schülern jedoch freudig angenommen wurde.
In der Austauschzeit, in der wir uns größtenteils in Jerusalem aufhielten, besichtigten wir bei einer Sightseeing-Tour viele Kirchen, die für das Christentum von enormer Bedeutung sind. Hier trafen wir oft fotografierende und Postkarten kaufende deutsche Touristengruppen, die sich immer unglaublich freuten, auf eine andere, deutsch sprechende und darüber hinaus noch so junge Reisegruppe zu treffen.
Auch Teile der orientalischen Kultur wurden uns näher gebracht, beispielsweise auf dem Mahane Yehuda, einem arabischen Lebensmittelmarkt. Hier begegneten wir Menschen aus allen möglichen Bevölkerungsgruppen, die dort ihren wöchentlichen Einkauf tätigten, sich dabei an anderen Menschen vorbei drängelten, die Auslagen probierten und dann den billigsten oder lustigsten Verkäufer aussuchten. Es war für uns eine unglaublich intensive Reizüberflutung an Gerüchen, Geschmäckern, Farben und Geräuschen und gleichzeitig ein riesen Spaß.
Unsere deutsche Geschichte spielte in den Tagen kaum eine Rolle, da besonders die jungen Israelis Deutschland eher mit tollen Autos, gutem Fußball und Angela Merkel in Verbindung bringen, als mit der dunklen Vergangenheit. Diese wurde aber an dem Tag, als wir die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem besuchten, thematisiert. Die Konfrontation mit der eigenen Geschichte wurde besonders emotional, als wir einen jüdischen Holocaust Überlebenden trafen, der seine persönliche Lebensgeschichte erzählte. Die anschließende Diskussion mit unseren Israelis zeigte jedoch, dass zumindest seitens der jungen Generation keine Vorwürfe uns gegenüber vorliegen. Und wir erfuhren die unglaubliche Toleranz eines Landes, das selbst immer mit Akzeptanz und Anerkennung zu kämpfen hatte. Vor allem in der zweitägigen Wüstentour erkannten wir, dass die bestehende Freundschaft mit den Israelis noch gestärkt wurde und Liebe selbst die schwierigste Vergangenheit heilen kann.
Die Bilder besonders dieser beiden Tage sind nicht in Worte zu fassen. Eine steinige, trockene, karge und weite Wüstenlandschaft rief bei uns allen das Gefühl von Freiheit und Faszination hervor. Der Kamelritt entpuppte sich als einer der Höhepunkte unseres Wüsten-Trips, genauso wie die Fahrt ans Tote Meer. Die Geschichten über das Schweben auf dem Wasser und die Unmöglichkeit des Untergehens konnten wir am eigenen Leib spüren. Wie das hochkonzentrierte Salzwasser trägt ist ein Erlebnis, das man unbedingt einmal gemacht haben muss.
Die Eindrücke und Erfahrungen, die uns diese kurze, aber sehr intensive Zeit gebracht haben werden uns unser Leben lang begleiten. Denn wir haben erfahren was es bedeutet, wenn eine Freundschaft über große Kulturunterschiede hinweg einfach so geschenkt wird. Wir fühlen uns bereichert durch den Austausch und die Liebenswürdigkeit der Menschen dort. Und obwohl sich viele Menschen in Deutschland gefreut haben, dass wir wieder heil zurück sind und uns keine Raketenanschläge getroffen haben, vermissen wir dieses bunte Land im Osten, in dem Milch und Honig fließt.

Text: Reisebericht: Stefanie Düll, Yannick Kieser und Leah Oertel (Q11 und Q12) / Einleitender Text: Harald Godron