Deutsch-ukrainischer Schüleraustausch im Zeichen digitaler Medien

Ein wenig blass um die Nase nach der 24-stündigen Busreise standen am 5. Oktober elf ukrainische Schülerinnen und Schüler und ihre beiden Lehrerinnen vor dem Gymnasium Steigerwald-Landschulheim in Wiesentheid und freuten sich, endlich bei ihren Gastgebern angekommen zu sein, wo zu Hause in den Familien erst einmal ein warmes Mittagsessen auf sie wartete.

Für zehn erlebnisreiche Tage waren die jugendlichen Gäste aus der Schule Nr.4 im nordwestukrainischen Nowograd-Wolhynsk in den Familien von Zehntklässern aus dem Landschulheim untergebracht, besuchten dort den Unterricht und lernten Städte der fränkischen und bayerischen Umgebung kennen. Begleitet wurden sie von ihren Deutschlehrerinnen, Alla Teteria und Ljudmila Aleksijtschuk, die den Austausch in der Schule Nr. 4 betreuen.
Erste Kontakte hatten die deutschen und ukrainischen Jugendlichen schon in den Wochen zuvor per facebook, Whatsapp oder E-Mail geknüpft. Moderne digitale Kommunikations- und Informationsmedien standen auch im Zentrum der gemeinsamen Themenarbeit, die einen weiteren wichtigen Bestandteil des Austauschprogramms bildet, das vom Pädagogischen Austauschdienst und über das Programm Meet up! der Stiftung Erinnerung – Verantwortung – Zukunft gefördert wird.
Die themenorientierte Arbeit unter Leitung der Wiesentheider Lehrerinnen Martina Schenk und Dr. Ulrike-Sandmeyer-Haus begann mit einer großen Runde, in der sich die Jugendlichen über die Rolle von Smartphone und Co in ihrem Leben austauschten. Wichtig ist ihnen die digitale Technik vor allem, um zu wissen, was „in der Welt“ – für die 15- und 16-Jährigen heißt das vor allem in der „community“ von Gleichaltrigen und Freunden – gerade aktuell ist. Da gab es wenig Unterschiede zwischen ukrainischen und deutschen Schülern.
Aber wie war das eigentlich im vor 30 oder gar 50 Jahren, als Eltern und Großeltern jung waren? Interviews in den Gastfamilien zeigten, wie viel sich im Alltag Jugendlicher seitdem verändert hat: Der hart umkämpfte Festnetzanschluss in den Familien der Elterngeneration ist beispielsweise längst Geschichte, Brettspiele und Fernsehen im Familienkreis seltener geworden.
Auch das Exkursionsprogramm regte zur Auseinandersetzung mit dem Thema an. Bei einer Exkursion nach Nürnberg bestaunten die Schülerinnen und Schüler vorsintflutlich anmutende Telefonapparate und Fernsehgeräte und konnten die Aufnahme einer TV-Nachrichtensendung nachspielen. Im Fastnachtsmuseum in Kitzingen wurden mit moderner digitaler Technik – unter anderem durch ein beeindruckendes virtuelles Narrentheater – uralte Karnevalsbräuche zum Leben erweckt.
Höhepunkt des Programms war ein zweitägiger Aufenthalt in München. Die Stadt und ihre Sehenswürdigkeiten begeisterten vor allem die ukrainischen Jugendlichen. Eine Führung durch das Münchener NS-Dokumentations-zentrum veranschaulichte, dass Medien nicht nur vielfältige Informationsmöglichkeiten bieten, sondern auch manipulativ eingesetzt werden können: Diskriminierende und furchtauslösende Zerrbilder jüdischer Mitbürger und politischer Gegner auf Plakaten und fotografischen Inszenierungen machten die Fragwürdigkeit medial vermittelter „Wahrheiten“ deutlich.
Beim Abschiedsabend in der Mensa des Wiesentheider Gymnasiums dankten der stellvertretende Schulleiter Markus Henneberger und der Leiter des Austauschs, Harald Godron, Schülerinnen und Schülern sowie den Gasteltern für ihr Engagement. Im kommenden Frühjahr soll die Begegnung durch den Besuch der deutschen Gruppe in Nowograd-Wolhynsk fortgesetzt werden.

Text und Fotos: Martina Schenk