Selbst schon Tradition – Der deutsch-ukrainische Schüleraustausch am Gymnasium Wiesentheid

„Traditionen – Brücken vom Gestern ins Heute und Morgen“ – so lautete das diesjährige Motto des deutsch-ukrainischen Schüleraustausches am Gymnasium Steigerwald-Landschulheim Wiesentheid. Für zehn Tage waren elf ukrainische Jugendliche aus den 9. und 10. Klassen des „Lyzeums Nr. 4“ in Nowograd-Wolhynsk mit ihrer Deutschlehrerin Alla Teteria in Wiesentheid zu Besuch.

Der Austausch mit der nordwest-ukrainischen Stadt ist am Wiesentheider Gymnasium selbst schon eine fast 20 Jahre alte Tradition. Jedes Jahr im Herbst empfangen Schüler der 10. Klassen gleichaltrige Gymnasiasten aus der Ukraine. Um die Osterzeit erfolgt dann der Gegenbesuch der deutschen Gruppe in Nowograd-Wolhynsk.

Die Unterbringung in Gastfamilien, der gemeinsame Besuch des Schulunterrichts sowie ein vielfältiges Exkursionsprogramm sorgen dafür, dass die beteiligten Schüler nicht nur Freundschaften knüpfen, sondern auch verschiedenste Facetten des Lebens im jeweiligen Gastland kennenlernen können.

Im Rahmen der gemeinsamen Projektarbeit, tauschten sich die Schüler diesmal über traditionelle Feste, Bräuche und Verhaltensweisen in ihren Herkunftsländern aus. Neben kulturellen Unterschieden entdeckten sie dabei auch viele Ähnlichkeiten. Überraschend war für die deutsche Gruppe beispielsweise, dass in der Ukraine wieder alte Bräuche zur Vertreibung des Winters gepflegt werden, die manchen Fastnachtstraditionen hierzulande ähneln. Eine Führung durch das Kitzinger Fastnachtsmuseum führte den Teilnehmern anschaulich die Vielfalt regionaler Fastnachtsfiguren und die historischen Hintergründe des Fastnachtstreibens vor Augen.

Um Tradition ging es auch bei der Exkursion nach Nürnberg. Thema war der Jahrhunderte alte Ruf der Stadt als Ort des Handels und Gewerbes. Beim Besuch des Museums für Industriekultur konnten die Schüler sehen, dass Tradition – gerade im wirtschaftlichen Bereich – ohne Innovation nicht auskommt. Ein Beispiel waren die heute noch führenden Hersteller von Schreibgeräten aus der Region, die im 19. Jahrhundert mit Bleistiften begannen und inzwischen eine breite Palette moderner Büroartikel produzieren.

Dass Traditionen manchmal auch propagiert werden, weil sie ins politische Konzept passen, zeigte sich beim Besuch der Ausstellung „Typisch München“ im Münchener Stadtmuseum am Beispiel von Dirndl und Lederhose. Die bayerischen Könige waren an einer Vereinheitlichung der regional
unterschiedlichen Trachten interessiert, um das Nationalgefühl im Staat zu heben.

Die zweitägige Münchenfahrt bildete den Höhepunkt des durch Bayerischen Jugendring, Pädagogischen Austauschdienst und die Gemeinde Wiesentheid geförderten Programms. In München gab’s natürlich auch außerhalb des Museums manches Traditionelles, typisch Münchnerisches zu entdecken: den Blick vom Alten Peter bis zu den Alpen, einen Besuch im Hofbräuhaus oder die Eisbachsufer im Englischen Garten.

Schließlich feierten Gastfamilien, Gäste und Lehrkräfte im Speisesaal der Schule Abschied und schon am Tag darauf trat die ukrainische Gruppe ihre Rückreise ins 1500 Kilometer entfernte Nowograd-Wolhynsk an.

Ein wenig traurig war es schon, sich nach den erlebnisreichen gemeinsamen Tagen wieder trennen zu müssen. „Aber wir bleiben in Kontakt“, sagt die 17-jährige Theresa über sich und ihre Austauschpartnerin. Und dass sie im Frühjahr beim Gegenbesuch in der Ukraine dabei sein will, ist überhaupt keine Frage.

Text: Martina Schenk
Foto: Patricia Derrer; Die deutsch-ukrainische Gruppe beim Empfang im Wiesentheider Rathaus
Bildbeschreibung (von rechts): Martina Schenk, die den Austausch am Wiesentheider Gymnasium betreut, Schulleiter Hilmar Kirch, Bürgermeister Dr. Werner Knaier und Alla Teteria, Deutschlehrerin am Lyzeum Nr. 4 in Nowograd-Wolhynsk)