„Arbeit macht frei“? Besuch der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg

17.09.2019: Wandertag am Gymnasium Steigerwald-Landschulheim Wiesentheid – in der Regel ein recht lustiger und besonderer Tag im Schülerleben; so auch zunächst bei uns: 49 Schülerinnen und Schüler der 10. Jahrgangsstufe und wir (drei Lehrkräfte) fahren gut gelaunt in die KZ-Gedenkstätte Flossenbürg. Nach rund drei Stunden Fahrt haben wir den Parkplatz des kleinen Städtchens mit ungefähr 1.600 Einwohnern erreicht.

Sehr schnell nach Beginn unserer dreistündigen Führung erfahren wir Folgendes: Über 10.000 unrechtmäßig, aus sehr häufig schier wahnwitzigen Gründen inhaftierte Insassen ‘lebten’ hier in der Schlussphase dieses KZs, das ursprünglich geplant und konzipiert war für nur 3.000 bis 4.000 Insassen. Bezüglich der Bewohner einer Baracke bedeutete dies, dass nicht mehr angedachte 250 Personen eine Baracke bewohnten, sondern circa 1.000 Personen (drei bis vier Personen teilten sich eine Pritsche). Ungefähr also 1.500 Einwohner(innen) in Flossenbürg gegenüber schließlich 10.000 KZ-Insassen – das gab dann schon einmal Stoff zum Nachdenken.

Neben vielen weiteren Informationen konnten unsere Schülerinnen und Schüler auch Folgendes mitnehmen:

  • Das Konzentrationslager grenzte unmittelbar an diesen kleinen Ort Flossenbürg: Jede Bürgerin und jeder Bürger wusste also recht genau Bescheid über die hier stattfindenden Verbrechen der Nazis. Die so oft gebrauchte Ausrede „wir haben nichts gewusst“ ist in diesem Fall ‘Flossenbürg’ schlichtweg lächerlich. 
  • Zum Aspekt ‘Hygiene’: Neben der letztlich erreichten Zahl von ungefähr 1.000 ‘Bewohnern’ einer Baracke muss man u.a. noch Folgendes wissen:

Das sogenannte Häftlingsbad sahen die Insassen in der Regel nur ein einziges Mal, nämlich bei der Ankunft zur angeblichen Entlausung, die mit einer Totalrasur am Körper z.T. mit rostigen und unscharfen Messern vorgenommen wurde. Danach fand die Dusche statt, ergänzt durch Abspritzen mit Feuerwehrschläuchen und Prügeln durch Kapos mit Schläuchen.

Tatsächlich diente dieser ‘Reinigungsvorgang’ lediglich zur Entpersönlichung des Häftlings, die damit fortgesetzt wurde, dass der Häftling nur eine Garnitur Kleidung bekam: ein Paar Holzschuhe (bezogen mit Leder), eine Hose, eine gestreifte wattierte Jacke mit seiner Häftlingsnummer. Ab diesem Moment hatte er seinen Namen verloren und durfte sich nur mit dieser Nummer melden bzw. wurde mit dieser Nummer angeredet.

Nie wurde die Kleidung gewaschen bzw. gewechselt und das angesichts der extrem brutalen Arbeit zu jeder Jahreszeit im nahe liegenden Granitsteinbruch: 1.000 KZ-Häftlinge in einer Baracke.

  • Nun kann man sich vielleicht ein wenig vorstellen, welcher Gestank in diesen Baracken geherrscht haben muss, ganz abgesehen von den medizinischen Folgen. Häftlingsberichte nach der Befreiung der noch Überlebenden im April 1945 zeigen – und das ist eigentlich das wirklich Erschütternde daran – dass sie sich so zu fühlen begannen, wie die SS die KZ-Insassen betrachteten, nämlich als Untermenschen.
  • Den Gestank, den am Ende das Krematorium in der Landschaft verbreitet haben muss, kann man sich – so jedenfalls der Verfasser dieses Artikels – nicht vorstellen. Im heute sogenannten ´Tal des Todes` wurde dieses Krematorium durch die KZ-Kommandantur errichtet – in unmittelbarer Nähe der Müllentsorgung des KZs (die Wahl dieses Platzes war kein Zufall, sondern von der SS beabsichtigte Symbolik). Mehrere Leichname wurden in einem unterdimensionierten Ofen verbrannt, die Asche der einzelnen Menschen wurde mit der von anderen so vermischt. Angehörige dieser grausam zu Tode gebrachten Menschen erhielten dann nicht die Asche ihres Angehörigen (obwohl das so suggeriert wurde), sondern ein Gemenge von Asche von mehreren Leichnamen. 
  • Entpersönlichung bis zuletzt: „Arbeit macht frei“ – gemeint war damit (und auch darüber gibt es erschütternde Berichte über Unterhaltungen von Überlebenden mit SS-Offizieren), dass man sich möglichst schnell im wahrsten Sinne des Wortes in dem Steinbruch von Flossenbürg zu Tode arbeitet und über den Rauch des Krematoriumkamins in die Freiheit gelange. 

Diese Entmenschlichung des Individuums, diese Entrechtlichung der zu Unrecht Inhaftierten, diese Perversion der nationalsozialistischen Diktatur, die sich angemessen kaum in Worte fassen lässt und einmalig in der Geschichte ist, erfuhren unsere Schülerinnen und Schüler und wir als begleitende Lehrkräfte auf Schritt und Tritt durch diese beeindruckende Gedenkstätte, die heute letztlich integriert ist in das kleine Städtchen Flossenbürg (man fährt durch sie hindurch in Wohnsiedlungen, die u.a. ehemalige Wohnstätten für SS-Offiziere gewesen sind) – ganz im Unterschied zur Gemeinde Dachau.

Und so zeichnete sich in vielen Gesichtern der Jugendlichen nach Verlassen der Gedenkstätte Nachdenklichkeit, ja sogar Betroffenheit ab: der 17.09.2019 war für viele dann doch ein besonders nachhaltiger ´Wandertag`. Erst nach einiger Zeit wurde es im Bus dann wieder lustig.

Text: Ulrich Bäumler
Bild 1: Schüler(innen) der Klasse 10a während der Führung in der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg (Foto: Michael Steinbacher)
Bild 2 (von links): Schüler(innen) der Klasse 10b und zwei Lehrkräfte vor dem Bildungszentrum der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg